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Marschallstrasse                   Paula Baude

Paula Baude im Jahr 1948 (Foto Udo Knepper - Ausschnitt)






Paula Baude

Fräulein Baude, mit Vornamen Paula, wohnte schräg gegenüber. Im ersten Stock, im Haus vom dicken Schützenkönig.

Ich hatte, bevor ich mit sechs Jahren eingeschult wurde, noch nie vorher von ihr etwas gehört. Doch plötzlich stand sie mitten in meinem Leben - sie war meine erste Lehrerin.

Klassenfoto an der Volksschule Gebhardtstraße mit Paula Baude im Jahr 1948 (Foto Udo Knepper)

Klassenfoto an der Volksschule Gebhardtstraße mit Paula Baude im Jahr 1948.

Kannte sie mich? Hatte sie durch mich irgendwie oder irgendwann schon einmal Ärger gehabt? Das waren meine Sorgen, als ich von Mutter erfuhr, dass Fräulein Baude auf "unserer Strasse" wohnte. Konnte sie denn nicht woanders wohnen? Am besten weit weg von mir? Meine Sorgen waren begründet, denn nicht nur einmal kritisierte sie im Unterricht im Beisein meiner Mitschüler meine Freizeitgestaltung.

Ich erinnere mich noch an das erste Diktat am Ende des ersten Schuljahres. Sie saß hinter ihrem Lehrerpult und verlas es ganz langsam, jedes Wort und jede Silbe mehrfach wiederholend. Der erste Satz hatte es schon in sich:

   P a p a    l i e b t    di e    B l u m e n    s e h r

Au Backe, da hatte ich schon Probleme! Nach mehreren Wiederholungen durch die Lehrerin hatte ich mich entschieden und schrieb tapfer in das noch unbenutzte Arbeitsheft:

   P a r p a r    l i e p t    d i e    B l um e n    s e r r

Das war mein erster zusammenhängend geschriebene Satz.

Ich hatte sehr viele Fehler in meiner ersten Arbeit, ich glaube vierzehn oder fünfzehn, obwohl es nur fünf kleine Sätze waren. Mutter war ziemlich sauer, als sie einige Tage später mein Werk sah. "Das ist dein Papa und nicht dein Parpar!" sagte sie immer wieder und sah mich aus ihren dunklen Augen wütend an.

Fräulein Baude war danach in meiner Wertschätzung tief gefallen, denn sie hatte wirklich "Parpar" gesagt.

Als jemand von den Mitschülern dann erstmals das Lied sang:

"Die Paula,
die Paula,
die hatte heute Glück,
die hat im Fußballtoto
sechs richtige erwischt,
die zehne, die neune und auch ja noch die acht,
ach Paula, Paula, Paula, wie hast du das gemacht"

war das etwas, womit ich mich an ihr rächen konnte. Immer wieder wiederholte ich im Kopf den Refrain und wenn ich an ihrem Hause vorbeikam, habe ich das Lied, hörbar, aber zugegebenermaßen leise, gesungen.



Den Text und die Fotos hat Herr Udo Knepper freundlicherweise
zur Veröffentlichung auf dieser Website zur Verfügung gestellt.


 

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