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Marschallstrasse                   Die Strasse

Marschallstrasse - Erinnerungen von Udo Knepper






Die Strasse

Es war wirklich eine steile Straße. Vielleicht dreihundert Meter lang, später mit einer Einbahnregelung, das heißt, Autos konnten nur die Strasse hinauf aber nicht herunter fahren. Aber wann kam mal ein Auto. Bis Anfang der 50er Jahre sehr selten, von einigen Kleintransportern für die Anlieferung der kleinen Geschäfte, dem Aschenwagen und dem Altpapier- und Lumpensammler einmal abgesehen. Die Hauptstraße ging im Bogen um uns herum, so dass unsere Straße quasi von einem großen "D" die gerade Linie war, nur eben sehr, sehr steil.

Deshalb spielten wir eigentlich fast nie auf zwei Tore Fußball. Immer nur auf eines und immer den Berg herauf. Der Torwart musste neutral und unparteiisch sein. Er sollte den Ball so abschlagen, dass keine Mannschaft einen Vorteil bekam. Am besten war es, wenn der Torwart sich herumdrehte und den Ball über seinen Kopf hoch in Richtung der Spieler warf. Die Begrenzung des Tores wurde durch zwei Steine, ersatzweise Mützen, Jacken oder Pullover markiert. Wegen der fehlenden Torpfosten gab es bei der Frage ob der Ball "drin" war, selten Meinungsverschiedenheiten. Die Breite des Tores war schätzungsweise zwei Meter, variierte natürlich mit der Größe des jeweiligen Torwartes. Da es nur bergauf ging, konnten wir, wenn die Bälle nicht allzu schwer waren, auch relativ "stramm" schießen, der Ball kam ja sowieso wieder zurück, wenn er nicht gerade in einem der Vorgärten verschwand. Spielfeld war die gesamte Straßenbreite, wobei die Bürgersteige bei Bedarf auch genutzt werden konnten. Die niedrigen Mauern, die die schmalen Vorgärten schützten, waren für die eher technischen Spieler ideal. Man konnte sie mit einbeziehen (Einfallwinkel = Ausfallwinkel) und so den Mitspieler umfummeln.

Die Straße war auf unserer Seite bebaut mit viergeschossigen Mehrfamilienhäusern, pro Etage wohnten zwei Mietparteien, das heißt, in der Regel acht Familien. So etwa 22 bis 24 Personen in einem Haus waren keine Seltenheit. Auf der anderen Straßenseite gab es auch einige zweigeschossige Häuser. Drei Grundstücke auf der Straße waren unbebaut. Eines davon, mit mindestens eintausend qm direkt unterhalb von uns. In den ersten Jahren wurde das Gelände noch als Kleingarten von einigen Bewohnern unserer Straße genutzt, aber ab Anfang der 50er Jahre verwahrlosten die kleinen Gärtchen sehr schnell. Es standen zwar noch einige Johannis- und Stachelbeersträucher dort, aber zunehmend übernahmen wir Kinder das Gelände für unsere Aktivitäten.

Das zweite unbebaute Grundstück lag auch auf unserer Straßenseite, war wesentlich kleiner und gehörte den Leuten, die die kleine Moppfabrik hatten. Das Besondere an diesem Grundstück war der riesengroße Pflaumenbaum. Keine Zwetschgen, sondern honigsüsse rötliche und relativ dicke Früchte trug dieser Baum. Wir ernteten die Früchte, indem wir dicke Knüppel gegen die Äste schleuderten, so dass die Pflaumen herunterfielen. Der Eigentümer ließ uns gewähren, weil er wohl keine Zeit für die Ernte hatte und vielleicht mit der Produktion seiner Mopps anderweitig beschäftigt war.

Wir Kinder verlebten unsere Zeit eigentlich immer auf der Straße, saßen auf den kleinen Mauern und schnitzten aus frisch geschnittenen Haselnusszweigen Zwillen oder Flitzebögen mit unseren Fahrtenmessern, die zumindest jeder Junge in einer Lederscheide an der Hose aus gleichem Material trug. Apropos Leder-Hosen:
Diese Dinger, gehalten von Hosenträgern, vorn mit einer Querverstrebung geziert mit einem Hirschkopf und hinten einmal gekreuzt, trugen wir sobald der Winter vorbei war bis in den Spätherbst. Sie mussten speckig aussehen und gefielen uns am besten in der Zeit, wo wir fast aus der Hose herausgewachsen waren. Nicht besonders wohl hingegen fühlten wir uns in einer neuen Leder-Hose, zumal sie am Anfang auch immer ein bis zwei Nummern zu gross war. In der Winterzeit mussten wir wohl oder übel lange Strümpfe anziehen. Wir hassten die Dinger, weil sie kratzten, aber das Schlimmste war die Tatsache, dass man sie an sogenannten Leibchen festknöpfen musste, und das konnte man schlecht selbst machen, so dass man dafür die Mutter brauchte. Auf jeden Fall wurden bei den ersten milderen Temperaturen diese Quälgeister in die Ecke geworfen und die Leder-Hose angezogen.

Udo Knepper im Jahr 1953 (Foto Udo Knepper)

Udo Knepper im Jahr 1953.

Für viele Spiele war die Strasse sehr gut geeignet. Mit Kreide bemalten wir die Asphaltschicht. Ein großer Kreis wurde wie ein Kuchen geschnitten und wir spielten Krieg. "Deutschland erklärt den Krieg gegen Russland", schallte es oft, aber auch USA und Frankreich waren unsere Feinde. Es wurden auch kleine Kreise versetzt angebracht. Das Spiel hieß: "Kaiser, König, Ritter, Pitter". Im obersten Kreis stand der Kaiser und im untersten der Pitter. Mehr oder weniger hart wurde ein Ball zu einem höher positionierten Mitspieler geworfen. Wenn er den Ball nicht auffing, musste er hinterher laufen und damit kurzfristig seinen Kreis verlassen. In der Zeit konnten die schlechter positionierten Spieler ganz schnell sich verbessern. Oftmals musste der, der den Ball nicht gefangen hatte, wieder als Pitter anfangen.

Den größten Vorteil an der abschüssigen steilen Straße zogen wir aber im Winter, wenn Schnee gefallen war. Wir hatten alle unsere "DAVOS-Schlitten" im Keller. Wenn Schnee gefallen war und die Temperaturen am späten Nachmittag in den Minusbereich fielen, war die Straße eine perfekte Rodelbahn. Wir lagen gern bäuchlings auf unseren Schlitten, lenkten mit den Füssen, aber auch sehr gut ging die Fahrt mit einem Schlittschuhfahrer ganz vorn und einer Kette mit zwei oder drei Schlitten. Unser Schuhverschleiß war auch entsprechend, und oftmals ein Reizthema bei den Eltern.



Den Text und das Foto hat Herr Udo Knepper freundlicherweise
zur Veröffentlichung auf dieser Website zur Verfügung gestellt.


 

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