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Marschallstrasse                   Klärchen

Marschallstrasse - Erinnerungen von Udo Knepper






Klärchen

Direkt unterhalb des großen freien Grundstücks, welches im Laufe der Jahre zunehmend unser Spielplatz wurde, wohnte Klärchen mit ihrem Vater, dem alten "Oberkingkhaus". Aus dem wohl ehemaligem Milchgeschäft war im Laufe der Jahre, dank Klärchen, ein kleiner hübscher Laden geworden, wo man die wesentlichsten Lebensmittel für den täglichen Bedarf bekommen konnte. Die Milch wurde in den ersten Jahren noch "lose" verkauft, das heißt, man kam mit einer Milchkanne und Klärchen füllte aus einem Edelstahltank das mitgebrachte Behältnis voll.

Wir Kinder fanden es gar nicht lustig, zum Einkaufen geschickt zu werden. Bei der Milch und frischem Brot war das etwas anderes. Man konnte, ohne das es auffiel, einige "Schlucke" aus der Kanne nehmen und etwas vom frischen Brot an den Enden abkratzen, war auch kein schwerwiegendes Delikt.

Klärchen lachte immer und hatte immer knallrote "Bäckchen". Im Angebot waren auch Hühnereier, wobei nicht allzu selten auch ein faules dabei war. Eines Tages hatte sie einen "Durchleuchtungsapparat". Jedes Ei wurde, bevor es eingepackt wurde, hierin überprüft. Die Zahl der Reklamationen ging deutlich zurück.

Jede Kundin und jeder Kunde wurde einzeln bedient, wobei die meisten, so schien es, sich in der Regel im Geschäft erst entschieden, was sie nahmen. Das war manchmal für uns Kinder fürchterlich nervig, wenn so eine Tante sich nicht entscheiden konnte. Wenn sie dann endlich fertig war und das : "so, das war's für heute" uns zu erlösen schien, konnte man wetten, dass dann das "ach, schneid mir noch was von dem alten Holländer ab", folgen musste, und das Abrechnungsprocedere erneut aufgenommen wurde.

Lebensmittelkarte Ernährungsamt Wuppertal Bezirksstelle Vohwinkel aus dem Jahr 1949 (Sammlung HÜSGEN)

Lebensmittelkarte Ernährungsamt Wuppertal Bezirksstelle Vohwinkel aus dem Jahr 1949.

Mutter kaufte fast alles beim "Klärchen", bis sie später mehr und mehr zum "KONSUM" ging oder auch zum Großeinkauf in die Stadt. Mit voll beladenen Taschen kam sie dann aus der Stadt zurück, mindestens ½ Stunde Fußweg bedeutete das und nur bergauf. Wenn ich sie unten in unsere Straße einbiegen sah, verdrückte ich mich in der Regel schnell, um ihr beim Tragen der schweren Taschen nicht helfen zu müssen.

Klärchens Vater, der alte "Oberkingkhaus" fuhr einen Tempo-Kleinlaster mit drei Rädern. Damit holte er die frische Milch von der Molkerei und auch die anderen Produkte. Eines Abends bekam ich mit, wie meine Eltern sich unterhielten. Vater hatte an seinem Arbeitsplatz der "Deutschen Bank" von einem Bauern gehört, der gute und preiswerte Kartoffeln zum "Einkellern" hätte. Das Problem war der Transport zu uns nach Hause. "Man müsste den alten Oberkingkhaus fragen", sagte meine Mutter zu meinem Vater, "der hat doch einen Tempo." Ich konnte nicht einschlafen, weil ich mich ernsthaft mit dem Problem der Logistik auseinander setzte.

Am anderen Tag sah ich den Alten beim Entladen an seinem Auto. Ich nahm all meinen Mut zusammen, ging auf ihn zu und stammelte: "Herr Oberkingkhaus, wir haben jemand mit Kartoffeln, haben aber kein Auto". Irgendwie schien er mich verstanden zu haben, denn er sagte: "Könnte man drüber reden". Stolz lief ich nach Hause und erzählte meinen Eltern, was der Alte gesagt hatte.

Ich glaube, es war ihnen schon etwas peinlich, dass ich ihn gefragt hatte, geschimpft haben sie allerdings nicht. Am anderen Tag hat der alte "Oberkingkhaus" die Kartoffeln geholt.



Den Text hat Herr Udo Knepper freundlicherweise zur
Veröffentlichung auf dieser Website zur Verfügung gestellt.


 

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