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Marschallstrasse                   Der Pullmann-Zug

Marschallstrasse - Erinnerungen von Udo Knepper






Der Pullmann-Zug

Weihnachten 1948 stand sie aufgebaut unter dem Tannenbaum: meine elektrische Eisenbahn!

Es liegt wohl in der Familie, denn meine beiden Großväter waren Lokführer, "Opa Karl" sogar Oberlokführer, will heißen, dass er auf einer großen Dampflokomotive seinen Dienst verrichtete, und das im Fernverkehr, über lange Distanzen. Opa hatte immer eine Vollglatze. Einmal in der Woche seifte seine Tochter, meine Tante Inge, ihm den Schädel ein und die Rasur mit dem Messer führte immer zu einem absolut haarlosen Kopf. Oma sagte als Begründung für diese Maßnahme: "Das ist notwendig, denn Opa würde sonst mit seinen russverschmierten Haaren das Kopfkissen schmutzig machen!".

Er hatte oft auch Einsätze über Nacht, so dass er tagsüber einige Stunden schlief. Das tat er vor dem Bett auf dem Boden, denn die Betten waren ja tagsüber "gemacht" und damit nicht freigegeben. Er war überhaupt ein ganz Lieber. Er konnte Schuhe besohlen, machte morgens immer Feuer und trieb sich in seiner Freizeit immer in seinem großen Garten herum, den er auf der Rückseite des Mehrfamilienhauses zur Verfügung hatte. Dort stand ein großer Süsskirschen-Baum und einige Birnenbäume und natürlich wurde Gemüse jedweder Art angebaut. Als Kind war ich immer sehr gern bei Oma und Opa, durfte abends lange aufbleiben bei "Rommé" und "Mensch ärgere dich nicht". Nur mit dem Schlaf war es immer eine Katastrophe. Ich musste immer auf der "Ritze" zwischen beiden schlafen. Das war aber nicht das Problem. Sie schnarchten beide im Duett und ich konnte stundenlang kein Auge zumachen.

Oma hatte eine Freundin. Sie hieß Hertha Wiesemann und war eine Rheinländerin durch und durch. Wenn sie kam, war ihr Auftritt schon filmreif. Sie war eine stattliche groß gewachsene Frau mit silbergrauen Haaren, trug immer violette-blaue Kleider, immer einen Hut mit unendlich vielen bunten Federn, hatte eine durchdringende männliche Stimme und sang immer Schunkellieder von Willi Ostermann. Oma war auch immer gut gekleidet und adrett, aber viel bürgerlicher als Hertha Wiesemann. Oma machte der Besuch dieser lauten aber interessanten Person immer sichtlich viel Spaß. Opas Freude war aber deutlich weniger groß, er verkrümelte sich meistens in seinen geliebten Garten. Überhaupt überließ Oma viel Hausarbeit ihrem Mann, ich glaube er hatte aber nichts dagegen. Opa sang selten, aber ein Lied von ihm habe ich noch genau im Kopf:

Mein Leibarzt, der hat mir geboten,
stirb, oder entsage dem Wein
dem Weißen sowie auch dem Roten,
sonst wird es dein Untergang sein!

Die Melodie und der Text gefielen mir sehr. Ich bat ihn immer und immer wieder es zu singen, wobei es mir speziell um die letzte Zeile und um das Wort "Untergang" ging, denn das sang er immer, wie es die Rheinländer zu tun pflegen mit einem "j", so dass es immer ein "Unterjang'" war.

Zurück zu Weihnachten 1948. Mein Vater muss den Eisenbahnbazillus von "Opa Karl" geerbt haben, denn was gibt es sonst für einen Grund in der damaligen schlechten Zeit mir zu Weihnachten eine elektrische Eisenbahn zu schenken.

Es war eine "MÄRKLIN", Spur HO. Sie lief über Wechselstrom auf Metallschienen noch mit einer durchgehenden Mittelschiene, eine zweiachsige Dampflok mit drei Güterwagen, einer Kreuzung und entsprechendem Gleismaterial.

Stundenlang lag ich auf dem Boden, drehte am Trafoknopf und ließ den kleinen Zug vor- und rückwärts fahren und träumte dabei von der großen Welt der richtigen Eisenbahn.

Ein oder zwei Jahre später bekam ich den neuesten "MÄRKLIN"- Katalog in die Hand. Hier waren die Dampfrösser im Miniformat abgebildet. Ich stieß dabei zum ersten Mal auf den "Pullmann-Zug", eine stromlinienförmig verkleidete Dampflokomotive mit sieben Achsen und einem angekuppelten vierachsigem Kohlewagen, dazu gehörten riesiglange D-Zugwagen mit Speise- und Schlafwagen.

Es war wohl Ende November oder Anfang Dezember, Mutter war gerade einkaufen. Ich machte mich am Kleiderschrank im Schlafzimmer meiner Eltern zu schaffen. Ich will nicht ausschließen, dass ich auf der Suche nach versteckten Weihnachtsgeschenken für mich war und tatsächlich, stieß ich auf einige Kartons mit der Aufschrift "MÄRKLIN". Daneben ein Zettel, eine Rechnung.
Ein Blick, was ich las, ließ meine Knie erzittern. Ich las:

1 Trafo = DM 45
1 Lok = DM 65
3 Wagen = DM 45
Summe = DM 155.

Erschreckt legte ich den Zettel zurück und verschloss den Schrank wieder.

Ich fühlte mich danach überhaupt nicht wohl in meiner Haut. Meine Freude über den "Pullmann-Zug" am Heiligen Abend war erheblich geschmälert. Die Preise habe ich heute noch im Kopf, wobei der Gesamtbetrag für damalige Verhältnisse ein kleines Vermögen war.

Im Alter von 18 oder 19 Jahren, als ich andere Dinge im Kopf hatte, habe ich meine elektrische Eisenbahn für "nen Appel und nen Ei" verkauft um einige Jahre später durch meine Freundin, meiner heutigen Frau, die mir eine Einstiegspackung in der Spur N zu Weihnachten schenkte, wieder neu zu starten.

Den Bazillus habe ich wohl auch wieder vererbt, denn mein Sohn hat nach wie vor, auch nach einer "Auszeit", großes Interesse an meiner Eisenbahn und reklamiert allen Ernstes einen nicht unwesentlichen Teil für sich, und mein Enkeltöchterchen steht schon im zarten Alter von zwei Jahren begeistert am Schaltpult und gibt mir den Spitznamen: "Opa Tutut".



Den Text hat Herr Udo Knepper freundlicherweise zur
Veröffentlichung auf dieser Website zur Verfügung gestellt.


 

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